Daniels Vision von den vier Tieren

In Daniel 7,1–14 lesen wir von einer eindrucksvollen Vision: Aus einem aufgewühlten Meer steigen vier Tiere hervor – ein Löwe, ein Bär, ein Panther und ein viertes, furchterregendes Tier mit zehn Hörnern und einem „kleinen Horn“, das großmäulige Worte redet. Diese Tiere stehen für die großen politischen Weltreiche der damaligen Zeit: Babylon, Persien, Griechenland unter Alexander dem Großen

und schließlich das vierte Reich, das römische Reich, das sich durch besondere Grausamkeit auszeichnete. Viele Ausleger sehen darin vor allem die brutalen Herrscher des 2. Jahrhunderts vor Christus. Es gibt dazu unterschiedliche Deutungen.

Doch dann geschieht etwas Entscheidendes: Gott selbst tritt auf den Plan. Sein Thron erscheint im Himmel, Gericht wird gehalten, und es heißt: „Bücher wurden aufgetan.“ Wie geht es weiter?

Daniel berichtet ab Vers 11–14:

„Da schaute ich wegen des Lärms der großmäuligen Worte, die das Horn redete. Ich schaute: Da wurde das Tier getötet, sein Leib vernichtet und dem lodernden Feuer übergeben. Den übrigen Tieren aber wurde ihre Macht genommen, doch ihre Lebensdauer wurde ihnen auf Zeit und Stunde gewährt. Ich schaute in den nächtlichen Visionen: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn; er gelangte zu dem Hochbetagten, und man führte ihn vor ihn. Ihm wurde Herrschaft, Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum wird nie untergehen.“

Die bedrückende Aktualität des Buches Daniel

Das Buch Daniel ist erschreckend aktuell. Der Judenhass gleicht einem solchen Tier, das heute erneut aus dem aufgewühlten Chaosmeer der Geschichte emporgestiegen ist. Wer hätte gedacht, dass in Europa wieder öffentlich Juden angegriffen werden? Dass über die Ermordung jüdischer Kinder gejubelt wird? Dass jüdische Einrichtungen erneut bewacht werden müssen?

In Daniel 7,25 lesen wir über das kleine Horn:

„Und gegen den Höchsten wird es Worte reden und die Heiligen des Höchsten aufreiben; und sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit.“

Gott lässt zu, dass sein Volk für eine begrenzte Zeit in die Hand des Bösen fällt. Warum er das tut, können wir nicht verstehen. Doch es scheint, als müsse das Böse sich ganz entfalten, als müsse es sein wahres Gesicht zeigen. Das Unmenschliche, das zutiefst Tierische dieser Mächte tritt offen zutage.

Gott begrenzt die Macht der Reiche

Diese tierhaften Mächte – all die Diktaturen dieser Welt – werden vergehen. Sie sind nur deshalb an der Macht, weil Gott es zulässt. „Er setzt Könige ein und setzt Könige ab“ (Daniel 2,21). Und von den Tieren heißt es ausdrücklich: „Ihre Lebensdauer wurde begrenzt“ (Daniel 7,12).

Nicht Diktatoren sitzen auf dem Thron dieser Welt, sondern Gott. Und er allein bestimmt die Zeitspanne, in der diese Reiche bestehen dürfen.

Der Menschensohn – Jesus Christus

Dann richtet sich der Blick auf Jesus Christus. „Mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn.“ Ihm werden Macht, Ehre und Königsherrschaft gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienen ihm. Seine Herrschaft ist ewig.

Jesus bezeichnete sich selbst bewusst als Menschensohn:

  • „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ (Lukas 19,10).
  • „Der Menschensohn hat Vollmacht, auf Erden Sünden zu vergeben“ (Markus 2,10).

Mit diesem Titel grenzt sich Jesus deutlich von dem Tierischen ab. Er zeigt, was wahres Menschsein bedeutet. In ihm erkennen wir nicht nur, wer Gott ist, sondern auch, was der Mensch in Gottes Augen sein soll: zugewandt, barmherzig und zugleich fest in der Wahrheit.

Die Herausforderung für uns heute

Möglicherweise werden die kommenden Jahre auch für uns schwieriger. Doch gerade mit Jesus wird es uns gelingen, innerlich nicht zu verhärten. Jesus selbst sagt:

„Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten“ (Matthäus 24,12).

Wird unsere Liebe in härteren Zeiten ebenfalls erkalten?

Jeder Mensch ist manchmal überfordert, verliert Geduld oder sagt Dinge, die er später bereut. Doch entscheidend ist die innere Bereitschaft, um Vergebung zu bitten und Vergebung anzunehmen. Dann kann Liebe neu ins Herz einziehen.

Auch Christen geraten in Gefahr, hart und unbarmherzig zu werden – angesichts von Christenverfolgung, ideologischen Entwicklungen oder all dem Unrecht in der Welt. Doch gerade hier zeigt sich unser christliches Zeugnis: indem wir Menschlichkeit bewahren, respektvoll bleiben und auch denen mit Liebe begegnen, die Gott oder unseren Überzeugungen ablehnend gegenüberstehen. Liebe und Menschlichkeit sind unser Kennzeichen.

„Siehe, ich mache alles neu“

Die Losung für 2026 lautet: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5).

Johannes sieht:

„Einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr… Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! … Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz; denn das Erste ist vergangen.“

Dieses Neue trägt nichts Altes mehr in sich. Es entsteht nicht durch menschliche Anstrengung oder durch das Neuordnen des Alten. Das Neue kommt aus der Ewigkeit Gottes selbst. Wenn Gott sagt: „Ich mache alles neu“, dann ist er selbst die Quelle dieses Neuen. In Jesus Christus ist es sichtbar geworden.

Die Sehnsucht nach dem Neuen ist die Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes.

Unsere Hoffnung

Gott nimmt Wohnung mitten unter den Menschen. Seine Gegenwart hat einen Namen: Jesus von Nazareth. Verfolgte und gequälte Christen aller Zeiten haben an diesen Ort ohne Tränen und ohne Geschrei gedacht. Wahre Christen tragen diese neue Stadt, diesen neuen Himmel und diese neue Erde im Herzen.

Am Ende der Vision heißt es:

„Wer überwindet, der wird dies alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“

Diese Freiheit neu zu entdecken und aus ihr heraus zu leben – das ist der besondere Schatz eines Christen. Diese Freiheit des Glaubens anzunehmen und öffentlich zu bekennen, ist unsere Aufgabe heute.

Siehe, ich mache alles neu. Wir halten den Hoffnungspfad in der Hand. Er führt durch den Schmerz zur Dankbarkeit, durch den Tod zu neuem Leben – zu einem Leben, das schon heute Hoffnung schenkt und tröstet.

Helmut Germann
11.01.2025